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Zwischen Festhalten und „Ich kann so nicht mehr leben“

vor 7 Tagen
4 Min. Lesezeit

Der alte Job war eigentlich besser. Den Menschen hätte ich nie verlassen dürfen. Er hatte so vieles, was ich mir gewünscht habe. Warum habe ich das damals nicht gesehen?

Solche Gedanken können uns lange beschäftigen. Wir möchten zurück in eine Welt, die so längst nicht mehr existiert. Gleichzeitig spüren wir: So, wie es jetzt ist, kann es auch nicht weitergehen. Doch jeder Schritt nach vorne würde uns noch weiter von dem entfernen, woran wir festhalten. Also bleiben wir dazwischen.

Wir ziehen uns zurück, lassen kaum jemanden an uns heran. Eine neue Begegnung könnte uns guttun. Aber dann müssten wir uns wieder einlassen. Wieder hoffen. Und wir wissen inzwischen, wie schnell etwas verloren gehen kann, das uns glücklich macht.

Diesen Schmerz wollen wir kein zweites Mal erleben. Diese dumpfe Schwere im Körper, die sich kaum greifen lässt. Wir können nicht einmal immer sagen, was genau wehtut. Der Verstand findet Erklärungen. Der Schmerz bleibt.

Vielleicht haben wir mit dem Abschied etwas verwechselt. Mit dem Menschen, der gegangen ist, scheint auch unsere Liebenswürdigkeit verschwunden zu sein. Mit dem Arbeitsplatz unser Wert. Wir haben dort etwas von uns gespürt, zu dem wir heute keinen Zugang mehr finden. Nun glauben wir, es sei mit dem Vergangenen verloren gegangen.

Aus „Du bist gegangen“ wurde „Ich bin es nicht wert, dass jemand bleibt“.

Dieser Schluss hinterlässt ein Loch. Und wir versuchen, es zu füllen. Mit Arbeit, mit Ablenkung, mit einem neuen Menschen, vielleicht sogar mit Krankheit. Für eine Weile wird es leichter. Bis eine Nachricht ausbleibt oder jemand unsere Leistung kritisiert. Sofort ist die alte Angst wieder da. Denn jede neue Bestätigung kann erneut ausbleiben, solange unser Wert davon abhängt.

Wir suchen im Außen etwas, das wir uns selbst kaum noch zugestehen.

Unser Ego möchte währenddessen recht behalten. „Gut, dass du dich getrennt hast“, sagt es und zählt die Fehler des anderen auf. Dass wir uns inzwischen vor jeder Nähe verschließen, übersieht es gerne. Oder es behauptet, wir hätten unser einziges Glück verspielt. Dann erscheint uns die Vergangenheit immer schöner, während wir unserem heutigen Leben kaum noch etwas zutrauen.

Beides hält uns beim Vergangenen. Die Frage, wie wir heute leben möchten, bleibt unbeantwortet und offen.

Wir können vieles von dem, was das Leben bringt, kaum bestimmen. Die Antwort, wie wir auf das Leben reagieren ist unsere. Es macht einen gravierenden Unterschied, was wir aus einer schmerzlichen Erfahrung über uns und unser Leben schließen. Glauben wir danach, dass Nähe immer im Verlust endet, werden wir uns vor ihr schützen. Halten wir daran fest, dass nur dieser Mensch uns glücklich machen konnte, bleibt unser Glück an seine Rückkehr gebunden.

So bekommt die Angst mehr Gewicht als unser Wunsch zu leben. Wir entscheiden uns für das, was den Schmerz kurzfristig fernhält, und verlieren aus den Augen, wonach wir uns eigentlich sehnen. Wir sagen eine Begegnung ab und sind zunächst erleichtert. Am Abend sitzen wir wieder allein.

Wir können uns aber auch fragen, was mit diesem Abschied in uns so tief erschüttert wurde. Wo haben wir gehofft, dass uns ein anderer Mensch endlich das Gefühl gibt, liebenswert zu sein? Dass wir durch ihn ganz werden und uns gut fühlen? Welche Zweifel an uns selbst waren durch seine Nähe für eine Weile still geworden?

Diese Fragen machen uns weder für das Verhalten eines anderen verantwortlich, noch erklären sie den Verlust zu etwas, das wir gebraucht oder verdient hätten. Sie führen uns zu dem Teil der Erfahrung, mit dem wir heute etwas anfangen können: zu unserer Hoffnung, dass etwas außerhalb von uns dauerhaft heilen könnte, was in uns weh tut.

Natürlich kann uns die Liebe eines Menschen erreichen und tief berühren. Durch sie können wir Vertrauen erfahren, das uns lange gefehlt hat. Doch wenn wir daraus schließen, dass wir nur mit diesem Menschen liebenswert sind, machen wir seine Anwesenheit zur Bedingung für unseren eigenen Wert.

Und mit seinem Abschied verlassen wir uns dann selbst.

Wir wünschen uns Selbstliebe. Dann stehen wir vor der Frage, wie wir mit uns umgehen, wenn ein Mensch uns nicht mehr liebt. Wir wünschen uns Vertrauen und finden uns in einem Leben wieder, dessen nächsten Schritt uns niemand garantieren kann. Wir wünschen uns Mut und spüren, wie viel Überwindung es kostet, nach einer Enttäuschung wieder ehrlich zu sagen, was uns am Herzen liegt.

Genau dort bekommen unsere Wünsche eine konkrete Bedeutung. Selbstliebe beginnt damit, dass wir uns in unserem Schmerz ernst nehmen, anstatt uns auch noch dafür abzuwerten. Vertrauen wächst, wenn wir einen nächsten Schritt wagen und erfahren, dass wir mit dem umgehen können, was uns begegnet. Auch mit Unterstützung. Mut entsteht, während wir etwas tun, vor dem wir eben noch zurückgewichen sind.

Das braucht Zeit. Trauer lässt sich kaum durch eine Erkenntnis abkürzen. Aber während wir trauern, können wir aufhören, uns selbst mit abzulehnen. Wir können jemanden vermissen und zugleich lernen, unseren eigenen Wert bei uns zu lassen.

Dann verändert sich auch, wie wir der Zukunft begegnen. Eine ausbleibende Nachricht entscheidet weniger darüber, was wir von uns halten. Wir können nachfragen, statt uns sofort zurückzuziehen. Wir erkennen eher, ob uns eine Beziehung guttut, weil wir nicht mehr jede Zuwendung brauchen, um uns überhaupt liebenswert zu fühlen.

Ein neuer Mensch muss dann auch keine Lücke schließen, die ein anderer hinterlassen hat. Wir können neugierig werden auf ihn. Auf das, was zwischen uns tatsächlich entsteht. Die Vergangenheit sitzt gelegentlich noch mit am Tisch, aber sie beantwortet nicht mehr jede Frage.

Und auch unser Glück bekommt wieder eine Zukunft. Wir müssen es nicht länger auf jene Form beschränken, in der wir es einmal kannten.

Der Abschied bleibt Teil unserer Geschichte. Doch aus ihm kann mehr werden als die Überzeugung, dass wir uns nie wieder einlassen sollten. Er kann uns zeigen, wo wir noch darauf warten, dass jemand anderes uns ganz macht und wo wir beginnen können, selbst liebevoll mit uns umzugehen.

Dann wagen wir wieder Nähe. Wir sagen, was wir möchten. Wir treffen Entscheidungen, die auch dem Leben dienen, nach dem wir uns sehnen.

Die Möglichkeit eines Verlustes bleibt. Aber sie entscheidet nicht mehr allein darüber, wie viel Leben wir zulassen.


 
 
 

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