top of page

Soll ich bleiben oder gehen?

vor 3 Tagen
3 Min. Lesezeit

Warum zieht sich mein Partner immer mehr zurück? Warum fühle ich mich einsam, obwohl ich in einer Beziehung bin? Warum streiten wir immer wieder über dieselben Dinge? Und vielleicht taucht irgendwann sogar die Frage auf: Soll ich bleiben oder gehen?

Vielleicht stellst du dir diese Fragen ganz bewusst. Vielleicht sind sie auch nur manchmal als flüchtiger Gedanke da. Irgendwo zwischen Alltag, Kindern, Arbeit und dem nächsten Streit.

Nehmen wir ein einfaches Beispiel.

Du kommst nach Hause und spürst sofort: Irgendetwas stimmt nicht. Dein Partner ist stiller als sonst. Du fragst: „Ist etwas?“ – „Nein.“

Und schon beginnt es in dir zu arbeiten.

Du fragst noch einmal. Versuchst Nähe herzustellen. Machst einen Vorschlag. Wirst vielleicht irgendwann ärgerlich. Dein Partner zieht sich noch mehr zurück. Du empfindest diesen Rückzug als Ablehnung und wirst noch deutlicher. Vielleicht kommt ein Vorwurf. Dein Partner fühlt sich bedrängt und macht endgültig zu.

Am Ende streitet ihr darüber, dass er nie redet und du immer alles zerreden musst.

Und vielleicht wirds jetzt persönlich: Du bist immer so... Oder ich hasse es, wenn du...

Dabei ging es vielleicht nie wirklich darum.

Denn wir kommen nicht mit leeren Händen in eine Beziehung. Wir bringen unsere Geschichte mit. Unsere Erfahrungen. Unsere Glaubenssätze. Unsere Ängste. Und all die Strategien, mit denen wir irgendwann gelernt haben, uns zu schützen.

Vielleicht hast du früh erfahren, dass Rückzug bedeutet, jemanden zu verlieren. Vielleicht hast du gelernt, dass du etwas tun musst, damit Verbindung bestehen bleibt. Vielleicht musstest du dich anpassen, leisten, vermitteln oder besonders aufmerksam sein, um dich sicher zu fühlen.

Und dein Partner?

Vielleicht hat er gelernt, dass Nähe schnell zu viel werden kann. Dass Erwartungen Druck bedeuten. Dass es sicherer ist, sich zurückzuziehen, wenn jemand etwas von ihm möchte.

Dann treffen in einer Beziehung irgendwann zwei alte Welten aufeinander.

Der eine braucht Nähe, um sich sicher zu fühlen.Der andere braucht Abstand, um sich sicher zu fühlen.

Und beide glauben irgendwann, der andere sei das Problem.

Dabei versucht jeder auf seine Weise, einen alten Schmerz nicht noch einmal fühlen zu müssen.

Genau hier beginnen Erwartungen.

Wir hoffen insgeheim, dass der Partner uns endlich das gibt, was uns so lange gefehlt hat: Sicherheit. Anerkennung. Aufmerksamkeit. Nähe. Bestätigung. Das Gefühl, wichtig zu sein.

Und wenn wir es nicht bekommen, wird aus der Hoffnung irgendwann eine Erwartung.

Aus der Erwartung wird Druck.

Und aus dem Druck wird Kontrolle.

„Warum redest du nicht mit mir?“„Warum interessierst du dich nicht für mich?“„Warum muss immer ich auf dich zukommen?“„Warum kannst du nicht einmal …?“

Doch auf der anderen Seite sitzt ebenfalls ein Mensch mit seiner Geschichte.

Und während wir verzweifelt versuchen, etwas zu bekommen, hört der andere vielleicht nur noch: Du bist nicht richtig, so wie du bist.

Also schützt auch er sich.

Er zieht sich zurück. Wird laut. Rechtfertigt sich. Greift an. Wird kalt. Oder stellt seinerseits Forderungen.

Und plötzlich kämpfen zwei Menschen miteinander, die sich eigentlich nach etwas sehr Ähnlichem sehnen.

Nach Verbindung.

Das Tragische daran ist: Je verzweifelter wir versuchen, diese Verbindung vom anderen zu bekommen, desto weiter entfernen wir uns manchmal voneinander.

Wir verlieren den Menschen hinter seiner Rolle.

Da ist dann derjenige, der immer klammert. Derjenige, der immer flüchtet. Diejenige, die alles kontrollieren muss. Derjenige, der nie etwas sagt. Derjenige, der immer Recht haben will.

Und irgendwann leben nicht mehr zwei Menschen miteinander.

Es leben zwei Schutzstrategien miteinander.

Vielleicht liegt genau darin eine andere Frage:

Wer wären wir miteinander, wenn wir nicht mehr bräuchten, dass der andere unsere alten Wunden für uns heilt?

Dann könnte Nähe wieder Nähe sein.

Intimität müsste nichts beweisen. Sie dürfte entstehen, weil wir einander erfahren wollen.

Ein Gespräch müsste nicht mehr dazu führen, dass einer gewinnt und der andere verliert.

Und Liebe müsste nicht länger bedeuten, sich selbst zu verlassen, damit der andere bleibt.

Vielleicht beginnt wirkliche Verbindung genau dort:

Wenn ich dich lieben kann, ohne mich dabei auszuschließen.

Wenn ich meine Sehnsucht fühlen kann, ohne sie zu deiner Aufgabe zu machen.

Wenn du du sein darfst und ich trotzdem bei mir bleiben kann.

Dann begegnen sich irgendwann nicht mehr unsere alten Rollen.

Sondern zwei Menschen.

Und vielleicht entdecken sie dort etwas wieder, wonach sie die ganze Zeit gesucht haben:

einander.


 
 
 

Kommentare


bottom of page