top of page

Auf dem Abstellgleis des eigenen Lebens

7. Okt.
5 Min. Lesezeit

Wir kennen diese Morgen. Wir wachen auf, und noch bevor wir richtig aufgestanden sind, ist dieses Gefühl da: Irgendwie geht nichts weiter. Die Tage vergehen, wir erledigen, was zu erledigen ist, und trotzdem scheint unser Leben auf der Stelle zu treten. Wir wissen gerade auch nicht, wie es weitergehen soll. Was uns bisher angetrieben hat, ist nicht mehr da. Und etwas Neues ist noch nicht in Sicht.

Also warten wir.

Auf eine Nachricht, nach der endlich klar ist, wohin es geht. Auf die Antwort eines Menschen, dessen Meinung uns viel bedeutet. Manchmal wissen wir gar nicht mehr genau, worauf wir warten. Wir spüren nur, dass zuerst etwas geschehen müsste, bevor wir wieder losgehen können. Als hätte das Leben uns auf ein Abstellgleis geschoben und vergessen, die Weiche zurückzustellen.

Währenddessen fahren andere an uns vorbei. Sie entscheiden sich, beginnen etwas, erzählen von ihren Plänen. Wir schauen ihnen nach und hoffen insgeheim, dass irgendwann ein Schnellzug kommt, dessen Sog uns mitnimmt. Zurück dorthin, wo das Leben stattfindet. Wenn nur endlich die richtige Begegnung käme, würde sich auch für uns wieder etwas bewegen.

Doch je länger wir so warten, desto weniger trauen wir uns zu, selbst etwas zu bewegen. Irgendwann fühlt sich das Abstellgleis wie der einzige Platz an, den wir noch haben.

Wenn wir in dieser Zeit den Blick nach innen richten, können wir etwas Unbequemes entdecken: Wir haben unsere Handlungsfähigkeit an eine Antwort geknüpft, die jemand anderer geben soll. Unser Zepter liegt irgendwo außerhalb von uns. Bei einem Menschen, von dem wir uns erhoffen, dass er endlich etwas erkennt. Oder bei einer Entwicklung, die erst eintreten muss, damit wir uns wieder erlauben, an unser Leben zu glauben.

Das geschieht selten mit einer bewussten Entscheidung. Wir stehen kaum eines Morgens auf und sagen: Ab heute sollen andere über mein Leben bestimmen.

Oft beginnt es an einem Punkt, an dem wir tatsächlich nicht weiterwissen. Etwas erscheint uns zu groß. Wir hoffen, dass jemand übernimmt, was wir selbst gerade nicht tragen können. Hilfe kann uns dann viel ermöglichen. Doch manchmal wird aus der vorübergehenden Entlastung ein Warten, aus dem wir nicht mehr herausfinden. Wir beginnen zu glauben, dass wir ohne diesen Menschen auch den nächsten Schritt nicht schaffen.

Ein anderes Mal ziehen wir uns zurück, weil wir uns bedroht fühlen. Wir haben erlebt, wie schmerzhaft es sein kann, sich zu zeigen und zurückgewiesen zu werden. Da erscheint es sicherer, stillzuhalten. Wer sich nicht bewegt, kann zunächst auch nichts falsch machen. Auf dem Abstellgleis müssen wir keine Richtung wählen. Wir bleiben vor manchen Enttäuschungen geschützt und entfernen uns dabei immer weiter von dem, was wir eigentlich leben möchten.

Dann gibt es noch dieses Warten auf einen Beweis.

Unser Partner soll uns endlich so begegnen, dass wir zweifelsfrei spüren: Ich bin geliebt. Wir achten auf seine Worte, auf das, was er tut oder unterlässt. Eine beiläufige Antwort kann den ganzen Tag verändern. Bleibt die ersehnte Zuwendung aus, fühlt es sich an, als hätte er damit etwas über unseren Wert entschieden.

Am Arbeitsplatz warten wir darauf, dass jemand unsere Fähigkeiten erkennt. Erst wenn diese Anerkennung kommt, wollen wir uns zutrauen, mehr von dem zu leben, was wir können. Bis dahin halten wir uns zurück und beobachten, ob wir endlich gesehen werden.

Manchmal richtet sich diese Erwartung sogar an das Leben selbst. Die Schwierigkeiten sollen sich lösen, damit wir daran erkennen können, dass wir willkommen sind. Eine offene Tür soll uns beweisen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Solange sie geschlossen bleibt, zweifeln wir an unserem Platz in der Welt.

Wie viel Macht wir damit nach außen geben, merken wir oft erst, wenn der ersehnte Beweis ausbleibt.

Dann warten wir noch ein wenig länger. Wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben. Es kann doch nicht sein, dass dieser Mensch noch immer nicht verstanden hat, was wir brauchen. Also richten wir unsere Aufmerksamkeit noch stärker auf ihn. Unser eigenes Leben wird unwichtiger, während seine nächste Reaktion immer wichtiger wird.

So kann eine Abhängigkeit entstehen, die sich selbst verstärkt. Je weniger wir selbst entscheiden, desto weniger erleben wir, dass wir etwas bewirken können. Und je weniger wir uns zutrauen, desto dringender brauchen wir ein Zeichen von außen.

Der Wunsch nach Liebe und Anerkennung hat dabei seinen guten Grund. Wir sind Menschen, die einander brauchen. Und manches, worauf wir warten, steht tatsächlich noch aus. Ein Gespräch kann notwendig sein. Eine Entscheidung kann von anderen abhängen. Auch eine Pause kann genau das sein, was wir gerade brauchen. Es lohnt sich jedoch hinzuschauen, ob wir in dieser Pause wieder zu uns finden oder unser ganzes Leben an eine fremde Antwort gebunden haben.

An diesem Punkt wird eine Frage sehr persönlich:

Welche Antwort muss noch kommen, bevor du dir erlaubst, wieder zu leben?

Wenn du diese Antwort erkennst, kannst du auch erkennen, wem du das Zepter überlassen hast. Vielleicht hat dieser Mensch nie darum gebeten. Vielleicht weiß er nicht einmal, wie viel in deinem Inneren von ihm abhängt.

Das zu bemerken kann wehtun. Wir sehen dann auch die Zeit, die wir mit Warten verbracht haben. Die Enttäuschung darüber braucht ihren Platz. Wenn wir uns jetzt dafür verurteilen, machen wir uns erneut klein, obwohl wir gerade begonnen haben zu verstehen, weshalb wir uns zurückgezogen haben.

Unser Leben wieder in die Hand zu nehmen beginnt damit, dass wir uns selbst wieder ernst nehmen. Wir hören hin, wenn etwas in uns längst Nein sagt. Wir nehmen einen Wunsch wahr, den wir immer wieder verschoben haben, weil niemand ihn wichtig genug fand. Und wir bleiben bei uns, auch wenn die erhoffte Bestätigung weiterhin ausbleibt.

Darin beginnt Verbindung. Wir sind wieder anwesend in unserem eigenen Leben. Wir fühlen, was uns fehlt, und können es aussprechen. Wer sich nach Nähe sehnt, kann auf den Partner zugehen und sagen: „Ich vermisse dich.“ Aus dem stillen Warten wird ein Gespräch, in dem beide vorkommen dürfen. Wie der andere antwortet, bleibt offen. Doch wir haben aufgehört, uns selbst zum Schweigen zu bringen.

Auch Hilfe bekommt dann eine andere Bedeutung. Wir können jemanden um Begleitung bitten und zugleich die Entscheidung über unseren Weg bei uns behalten. Das Zepter wieder zu tragen heißt auch, zu wissen, wo wir Unterstützung brauchen.

Und während wir uns so wieder mit uns selbst und mit anderen verbinden, erleben wir manchmal etwas Überraschendes: Die Angst, die vom Abstellgleis aus alles überschattet hat, nimmt weniger Platz ein. Wir spüren wieder unsere Fähigkeit, einer Antwort zu begegnen, auch wenn sie anders ausfällt als erhofft. Die Ungewissheit bleibt, doch wir sind in ihr wieder handlungsfähig.

Wir waren nicht so klein, wie wir uns im Warten gefühlt haben. Wir haben uns nur immer seltener erlebt.

Vielleicht liegt darin auch eine tiefe spirituelle Erinnerung: Unser Dasein braucht keine Genehmigung. Wir gehören zu diesem Leben, auch in einer Zeit, in der wenig gelingt und niemand uns bestätigt. In der Verbindung mit uns selbst wird diese Zugehörigkeit wieder spürbar. Dann hängt unser Recht, hier zu sein, nicht mehr an der nächsten Nachricht.

Mit diesem Erleben kehrt oft auch etwas von der Leichtigkeit zurück. Wir haben wieder Lust auf einen Menschen, auf ein Vorhaben, das lange liegen geblieben ist. Freude muss nicht länger warten, bis die letzte offene Frage geklärt ist. Wir können sie mitten in einem Leben empfinden, das noch im Werden ist.

Das Abstellgleis war ein Ort, an dem wir eine Zeit lang standen. Von dort aus können wir wieder aufbrechen. Wir steigen aus und stellen die Weiche, die heute in unserer Hand liegt. Die ganze Strecke müssen wir dafür noch nicht kennen.

Und während wir das tun, spüren wir: Dieses Leben ist wieder unseres.

Wir tragen wieder unser Zepter.


 
 
 

Kommentare


bottom of page