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Der Spiegel funktioniert. Auch wenn wir nicht hinsehen.

1. Sept.
3 Min. Lesezeit

Der Partner zieht sich zurück. Jemand kritisiert uns. Eine Nachricht bleibt unbeantwortet. Und plötzlich ist da Angst, Wut oder Unsicherheit.

Die Situation im Außen hat etwas in uns getriggert, das längst in uns da war.

Genau hier beginnt das Spiegelprinzip.

Wir sehen die Welt durch unsere Geschichte.

Stell dir vor, du trägst eine Brille, seit du ein Kind bist.

Vielleicht hast du früh gelernt, die Stimmung anderer genau zu beobachten. Wenn Mama angespannt war oder Papa schlecht gelaunt nach Hause kam, hast du gespürt: Hier stimmt etwas nicht.

Also hast du versucht, es zu richten.

Du wurdest lieb, angepasst, lustig, hilfsbereit oder still.

Und irgendwann entstand daraus vielleicht ein Glaubenssatz:

Wenn es den anderen gut geht, bin ich sicher.

Heute bist du erwachsen. Die Menschen sind andere. Doch die Brille ist noch dieselbe.

Du schreibst jemandem eine Nachricht.

Zwei blaue Haken.

Gelesen, aber keine Antwort.

Irgendwann beginnt dein Kopf Geschichten zu erzählen.

War ich zu direkt? Habe ich etwas Falsches geschrieben? Ist etwas zwischen uns?

Und genau da ist er: der Triggerpunkt.

Plötzlich geht es längst nicht mehr um WhatsApp. Da ist dieses alte Gefühl. Die Angst, dass etwas nicht stimmt oder Verbindung verloren geht.

Und dieses Gefühl wollen wir schnell wieder loswerden.

Also werden wir aktiv.

Unser Partner kommt schlecht gelaunt nach Hause.

„Was ist los?“„Habe ich etwas gemacht?“„Bist du sauer auf mich?“

Wir fragen nach, machen Vorschläge, versuchen ihn aufzumuntern.

Dabei hatte er vielleicht einfach einen beschissenen Tag.

Seine schlechte Laune gehört ihm. Unsere Angst davor gehört zu unserer Geschichte.

Doch weil wir diese Unsicherheit kaum aushalten, übernehmen wir Verantwortung für etwas, das gar nicht uns gehört.

Und genau hier kommt Kontrolle ins Spiel.

Kontrolle sieht längst nicht immer nach Macht aus.

Kontrolle kann unglaublich freundlich aussehen.

Sie kann ausgesprochen fürsorglich daherkommen.

Wir kümmern uns, kochen das Lieblingsessen oder versuchen den anderen zum Lachen zu bringen.

Doch manchmal steckt dahinter:

Wir wollen, dass es dem anderen besser geht, damit es uns wieder besser geht.

Solange der Partner schlecht gelaunt ist, fühlen wir uns unsicher. Also versuchen wir, seine Stimmung zu verändern. Sobald er wieder lacht, können auch wir entspannen, zumindest für eine kurze Zeit.

Deshalb ist Kontrolle ein so weit verbreitetes Vermeidungsinstrument.

Wir kontrollieren das Außen, damit wir bestimmte Gefühle im Inneren nicht fühlen müssen.

Manche kontrollieren Menschen. Andere planen jeden Schritt ihres Lebens oder brauchen ständig Antworten und Gewissheit.

Dahinter kann derselbe alte Satz stehen:

Wenn ich das Außen unter Kontrolle bekomme, bin ich sicher.

Unsere Muster suchen ihre Bühne.

Wer um Anerkennung kämpfen musste, sucht sie später vielleicht beim Chef.

Wer Liebe durch Leistung erfahren hat, arbeitet bis zur Erschöpfung.

Wer glaubt, alles alleine schaffen zu müssen, lehnt Hilfe ab und wundert sich irgendwann, warum niemand hilft.

„Siehst du. Ich muss wirklich alles alleine machen.“

Doch vielleicht bestätigt das Leben unseren Glaubenssatz gar nicht.

Vielleicht leben wir ihn.

Unsere Glaubenssätze beeinflussen unser Verhalten. Unser Verhalten beeinflusst unsere Beziehungen. Und unsere Beziehungen liefern uns anschließend scheinbar den Beweis, dass unsere Glaubenssätze stimmen.

Wir bauen selbst den Käfig und glauben irgendwann, die Welt hätte uns eingesperrt.

Der Spiegel ist kein Urteil.

Das Spiegelprinzip bedeutet keine Schuld.

Wenn jemand respektlos mit dir umgeht, bedeutet das nicht, dass du respektlos bist. Wenn dich jemand belügt, bedeutet es nicht, dass du ein Lügner bist.

Der Spiegel liegt woanders.

Was passiert in mir, wenn es passiert?

Welche Bedeutung gebe ich dem Verhalten des anderen? Welche Angst wird wach? Welches alte Muster beginnt zu laufen?

Vielleicht sitzt heute dein Partner vor dir, doch in deinem Inneren sprichst du gerade mit deinem Vater.

Vielleicht steht dein Chef vor dir, doch du fühlst dich wieder wie das Kind, das Angst hatte, etwas falsch zu machen.

Die Schauspieler wechseln. Die Bühne verändert sich.

Das Stück bleibt dasselbe, solange wir das Drehbuch nicht erkennen.

Genau darin liegt die Kraft des Spiegelprinzips.

Das Leben macht sichtbar. Am Frühstückstisch. Im Büro. In einer WhatsApp. In einem Streit.

Und wir können uns fragen:

Was gehört wirklich zu diesem Moment? Und was davon bringe ich aus meiner Geschichte mit?

Vielleicht darf unser Partner dann einfach einen beschissenen Tag haben.

Wir müssen nichts richten. Wir müssen seine Stimmung nicht verändern, damit wir uns sicher fühlen.

Seine Laune darf seine sein. Und unsere Sicherheit darf unsere sein.

Vielleicht ist genau das Freiheit:

Nicht die Welt um uns herum so verändern zu müssen, dass wir uns sicher fühlen.

Sondern zu erkennen, dass wir heute nicht mehr das Kind sind, das darauf angewiesen ist, dass im Außen alles in Ordnung ist.


 
 
 

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