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"Ich bin eben so"

vor 23 Stunden
4 Min. Lesezeit

Wir kennen unsere Eigenheiten. Wir wissen, wer beim kleinsten Widerspruch in die Luft geht und wer sofort versucht, die Wogen zu glätten. Wir kennen den, der auf alles eine Antwort hat, und den, der sich aus jedem ernsten Gespräch herauswindet. Manches belächeln wir, anderes bringt uns regelmäßig an unsere Grenzen.

Und wenn uns jemand auf unser eigenes Verhalten anspricht, sagen wir: „Ich bin eben so.“

Da ist der Lausbub. Er lässt sich nichts vorschreiben, pfeift auf Konventionen und macht am liebsten das, was gerade niemand von ihm erwartet. Mit ihm wird es selten langweilig. Möchte jemand etwas Verbindliches, fühlt er sich schnell eingeengt. Wird ein Gespräch persönlich, fällt ihm noch ein frecher Spruch ein. Alle lachen, das Thema ist erledigt. Was ihn wirklich beschäftigt, erfährt kaum jemand.

Da ist der Widerstandskämpfer. Er wittert hinter einer Bemerkung sofort einen Angriff. „Wie meinst du das jetzt wieder?“ Er hat seine Gegenargumente schon bereit, während der andere noch spricht. Nachgeben käme einer Niederlage gleich. Selbst Menschen, die ihm etwas Gutes sagen wollen, überlegen irgendwann jedes Wort. Er wundert sich, weshalb alle so vorsichtig mit ihm umgehen.

Da ist der Angepasste. Er merkt sofort, wenn die Stimmung kippt. Noch bevor ein Streit beginnt, vermittelt er und findet Verständnis für beide Seiten. „Ist doch nicht so schlimm“, sagt er, auch wenn es ihn selbst verletzt hat. Er gibt nach, damit wieder Ruhe herrscht. Fragt man ihn, was er möchte, antwortet er: „Wie es für euch passt.“ Später ärgert er sich, dass wieder niemand an ihn gedacht hat.

Da ist der Märtyrer. Er übernimmt noch diese Aufgabe, trägt die Sorgen der anderen mit und entschuldigt sogar, wenn man ihn schlecht behandelt. Irgendwie findet er immer einen Grund, weshalb er selbst daran schuld sein könnte. „Ich mache es schon“, sagt er, obwohl er längst nicht mehr kann. Er hofft, dass jemand seine Erschöpfung bemerkt. Bietet man ihm Hilfe an, winkt er ab.

Da ist der Schlaumeier. Er weiß, wie es besser geht, kennt eine Abkürzung und hat eine Erklärung, weshalb sein Fehler eigentlich keiner war. Erzählt jemand von einem Problem, liefert er sofort die Lösung. Dass der andere einfach erzählen wollte, entgeht ihm. Er möchte geschätzt werden und merkt kaum, wie klein sich sein Gegenüber neben ihm fühlt.

Da ist der Analyst. Er kann jedes Verhalten erklären, betrachtet alles von mehreren Seiten und findet Zusammenhänge, an die sonst niemand gedacht hat. Fragt man ihn, was er fühlt, erzählt er, weshalb Menschen in solchen Situationen so empfinden. Man kann stundenlang mit ihm über Beziehungen sprechen und weiß danach noch immer nicht, was in ihm vorgeht.

Da ist der, der sich unwissend gibt. „Das habe ich nicht verstanden.“ „Woher hätte ich das wissen sollen?“ Andere erklären, entscheiden und übernehmen. Er bleibt aus der Verantwortung heraus. Wenn ihn jemand beim Wort nimmt und ihm nichts zutraut, fühlt er sich allerdings übergangen.

Und da ist der, der sich zurückzieht. Er macht alles mit sich selbst aus. „Ich brauche niemanden“, sagt er und meldet sich lieber gar nicht, als nachzufragen, ob jemand Zeit für ihn hätte. Er wünscht sich, dass jemand anklopft. Doch wenn es geschieht, bleibt seine Antwort knapp. Irgendwann klopfen die Menschen seltener.

Wir können uns in mehreren dieser Rollen wiederfinden. Bei der Arbeit kämpfen wir, zu Hause geben wir nach. Oder wir erklären alles, bis uns eine Frage zu nahekommt und wir verstummen.

Warum haben wir diese Rollen so gut gelernt?

Am Anfang stand womöglich ein Kind, das auf seinen Vater wartete. Er war manchmal anwesend, aber mit Arbeit beschäftigt, unnahbar, selbst unter Druck. Das Kind hoffte auf seinen Blick, auf Schutz oder darauf, mit seinen Gefühlen bei ihm ankommen zu können. Ähnliches kann uns mit unserer Mutter widerfahren sein.

Also versuchten wir herauszufinden, wie wir doch noch gesehen werden. Wir rebellierten oder wurden besonders vernünftig. Andere zogen sich zurück, damit die ausbleibende Nähe weniger wehtat. Das waren meist unbewusste Antworten auf etwas, das wir als Kinder kaum beeinflussen konnten.

Wir haben diese Antworten wiederholt und perfektioniert, bis wir sie für unseren Charakter hielten. Hinter ihnen blieb die Sehnsucht nach Verbindung bestehen.

Und heute kann genau die Rolle zwischen uns und der Nähe stehen, für die wir sie einst entwickelt haben.

Unser Vater war hinter seiner Arbeit unerreichbar. Wir sind es hinter unseren Erklärungen, unserem Widerstand oder dem Satz, dass alles in Ordnung sei. Die Form hat sich verändert. Der Mensch neben uns wartet noch immer darauf, uns wirklich begegnen zu können.

Das zu erkennen macht uns nicht schuldig. Es gibt uns die Möglichkeit, heute anders zu antworten. Den Scherz einmal wegzulassen. Eine Frage anzuhören, bevor wir uns verteidigen. Auszusprechen, dass uns etwas getroffen hat.

Verbindung lässt sich durch keine noch so gut gespielte Rolle ersetzen.

Unsere Rollen sind Ersatzhandlungen, entstanden aus der Sehnsucht nach einer Verbindung, die uns gefehlt hat. Wir haben sie perfektioniert, um doch noch gesehen zu werden oder die Enttäuschung darüber nicht mehr spüren zu müssen. Heute halten genau diese Rollen andere Menschen auf Abstand. So bleiben wir mit unserer Sehnsucht allein, selbst wenn wir längst von Menschen umgeben sind, die uns nahe sein möchten.

In echter Verbindung erleben wir die Sicherheit, nach der wir so lange gesucht haben. Für diesen Moment fallen Ängste und Sorgen weg. Das Gedankenkarussell kommt zur Ruhe, weil wir nicht mehr überlegen müssen, wie wir uns verhalten sollen, um angenommen zu werden. Wir können da sein, wie wir gerade sind.

Unsere Fähigkeiten bleiben uns erhalten. Wir können unseren Verstand nutzen, ohne uns hinter Erklärungen zu verstecken, und für etwas einstehen, ohne ständig kämpfen zu müssen. Unser Humor wird wieder zum Ausdruck unserer Freude. Wir haben die Freiheit, diese Fähigkeiten einzusetzen und sie auch ruhen zu lassen. Unsere Verbindung hängt nicht mehr davon ab, dass wir eine Rolle erfüllen.


 
 
 

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