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Das Seil, das wir nie loslassen

15. Juli
2 Min. Lesezeit

Es gibt Muster in unserem Leben, die wir einst mit großer Weisheit erschaffen haben. Damals waren wir Kinder. Unsere Welt war klein, unsere Möglichkeiten begrenzt und unser Überleben hing oft davon ab, wie wir auf andere wirkten. Wir lernten freundlich zu sein, stark zu erscheinen, uns zurückzunehmen oder besonders viel zu leisten. Wir lernten zu kämpfen, zu gefallen oder uns unsichtbar zu machen.

Diese Muster verdienen unseren Respekt. Sie haben uns durch eine Zeit getragen, in der wir kaum eine andere Wahl hatten. Vielleicht haben sie uns tatsächlich das Überleben gesichert.

Doch das Leben ist weitergegangen.

Nur unsere Muster glauben es bis heute nicht.

Sie reagieren auf die Gegenwart, als wäre sie immer noch die Vergangenheit. Sie kämpfen um Anerkennung, sehnen sich danach gesehen zu werden und hoffen auf Liebe, als läge all das irgendwo vor uns und müsste erst verdient werden.

Es ist, als würden wir unser ganzes Leben an einem dicken Seil ziehen. Am Seil der Anerkennung. Am Seil des Geliebtwerdens. Am Seil des Gesehenwerdens. In der Hoffnung, irgendwann das Ende zu erreichen. In der Hoffnung, dass dort endlich der Frieden auf uns wartet.

Also ziehen wir.

Jahr für Jahr.

Mit aller Kraft.

Wir bemerken längst, dass unsere Hände voller Schwielen sind. Manche Wunden bluten schon. Das Ziehen kostet immer mehr Kraft. Trotzdem halten wir fest. Sobald wir glauben, den Kampf zu verlieren, stemmen wir uns noch stärker dagegen und sagen uns: Halte durch. Gleich hast du es geschafft.

Doch das Seil kennt kein Ende.

Es hält uns genau dort fest, wo wir schon immer standen.

Während wir ziehen, wird unser Blick immer enger. Wir sehen nur noch die Richtung, in die wir kämpfen. Das Leben, das sich rechts und links von uns entfaltet, verschwindet aus unserem Blickfeld. Menschen, die uns längst sehen. Liebe, die längst da ist. Möglichkeiten, die längst auf uns warten. All das bleibt verborgen, weil unsere ganze Aufmerksamkeit an diesem einen Seil hängt.

Der entscheidende Moment entsteht erst, wenn wir loslassen.

Nicht, weil wir aufgeben.

Sondern weil wir erkennen, dass der Kampf längst vorbei ist.

Mit einem Mal entspannen sich unsere Hände. Wir betrachten die Spuren, die das jahrelange Festhalten hinterlassen hat. Und zum ersten Mal richten wir den Blick wieder nach oben.

Plötzlich sehen wir nicht mehr nur eine Richtung.

Wir sehen das ganze Leben.

Ein Blick von dreihundertsechzig Grad öffnet sich. Wir entdecken Menschen, die uns schon lange begleitet haben. Wir erkennen Fülle an Orten, an denen wir immer nur Mangel gesehen haben. Wir erleben Verbindung, obwohl wir unser Leben lang nach ihr gesucht haben. Und wir verstehen, dass Liebe niemals am Ende eines Seiles auf uns gewartet hat.

Sie war die ganze Zeit da.

Das Seil hatte lediglich verhindert, dass wir sie sehen konnten.

Vielleicht besteht wahre Freiheit deshalb gar nicht darin, stärker zu ziehen.

Vielleicht beginnt sie genau in dem Moment, in dem wir den Mut finden, unsere Hände zu öffnen.


 
 
 

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