Warum wir zerstören, wonach wir uns sehnen
- Tom & Alex

- vor 1 Tag
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Es gibt einen Gedanken über Eigenverantwortung, der zunächst unbequem sein kann:
Ein großer Teil unseres Leidens im Heute hat seine Wurzeln in der Vergangenheit.
Denn würden wir tatsächlich vollkommen im Hier und Jetzt leben, würden viele unserer heutigen Probleme ihre Grundlage verlieren. Wir hätten kaum etwas, womit wir vergleichen könnten. Keine alten Urteile. Keine Erwartungen darüber, wie etwas ausgehen wird. Keine Erfahrungen, aus denen wir ableiten, was uns gleich wieder passieren könnte.
Wir würden vieles tatsächlich zum ersten Mal erleben. Wovor sollten wir Angst haben, wenn es keine Vergangenheit gäbe, die uns erzählt, wovor wir Angst haben müssen?
Natürlich ist das ein idealisierter Zustand. Wir können unsere Vergangenheit nicht einfach löschen. Und darum geht es auch gar nicht. Unsere Erfahrungen gehören zu uns. Entscheidend ist vielmehr, ob wir erkennen, wann eine alte Erfahrung beginnt, über eine heutige Situation zu bestimmen. Gerade in Beziehungen wird das sehr deutlich.
Stell dir vor, in einer Beziehung steht der nächste Schritt an. Ein Schritt in eine tiefere Verbundenheit. Mehr Nähe. Mehr Offenheit. Mehr von dir zeigen.
Eigentlich genau das, wonach wir uns sehnen. Und plötzlich geschieht etwas Merkwürdiges.
Da steigt Nervosität auf. Vielleicht Unruhe. Vielleicht Angst. Irgendetwas fühlt sich plötzlich schwierig an. Und weil dieses Gefühl gleichzeitig mit unserem Partner und der Situation auftaucht, glauben wir schnell, dass unser Partner oder die Beziehung der Grund dafür sein muss.
Doch vielleicht ist etwas ganz anderes geschehen. Vielleicht kennen wir diese Tiefe bereits.
Vielleicht waren wir irgendwann in unserem Leben schon einmal so verbunden. Vielleicht als Kind mit einem Menschen, den wir liebten. Vielleicht in einer früheren Beziehung. Vielleicht gab es einen Moment, in dem wir unser Herz vollkommen geöffnet hatten. Und diese Verbindung wurde gestört. Sie zerbrach. Jemand ging. Jemand zog sich zurück. Vertrauen wurde verletzt. Was blieb, war der Schmerz. Wenn wir Jahre später wieder an genau diese innere Schwelle kommen, erinnert sich etwas in uns daran.
Achtung. Hier waren wir schon einmal. Unser Schutzteil wird aktiv. Er möchte verhindern, dass wir diesen Schmerz noch einmal erleben. Also beginnt er, Strategien zu entwickeln. Wir suchen plötzlich Fehler beim anderen. Wir zweifeln an der Beziehung. Wir werden kritisch, ziehen uns zurück, beginnen Diskussionen oder finden gute Gründe, warum gerade jetzt mehr Abstand besser wäre. Das Erstaunliche daran ist:
Dieser Teil möchte uns schützen. Doch während er versucht, uns vor dem alten Schmerz zu bewahren, hält er uns gleichzeitig von genau der Verbindung fern, nach der wir uns sehnen. Und hier beginnt Eigenverantwortung. Eigenverantwortung bedeutet für mich, wahrzunehmen: Diese Angst ist meine Angst.
Sie steigt in mir auf. Sie erzählt etwas über meine Geschichte. Mein Partner hat sie vielleicht berührt, doch er muss nicht ihre Ursache sein.
Allein diese Erkenntnis verändert unglaublich viel. Denn jetzt muss ich meine Angst nicht mehr am anderen ausagieren. Ich muss ihn nicht verändern, damit mein Gefühl verschwindet. Ich muss keinen Streit beginnen und keine Gründe suchen, warum Nähe gerade eine schlechte Idee ist.
Ich kann wahrnehmen, was in mir geschieht. Und plötzlich entsteht etwas, das vorher kaum vorhanden war: eine Wahl.
Solange ich glaube, der andere sei für mein unangenehmes Gefühl verantwortlich, werde ich versuchen, den anderen oder die Situation zu verändern. Vielleicht sabotiere ich sogar die Beziehung, ohne zu bemerken, was ich eigentlich tue. In dem Moment, in dem ich Verantwortung für mein Gefühl übernehme, kann ich mich fragen:
Will ich meiner alten Angst folgen? Oder bin ich bereit, diesen Schritt trotzdem zu gehen? Eigenverantwortung bedeutet also keineswegs, keine Angst mehr zu haben.
Sie bedeutet, der Angst nicht automatisch die Entscheidung zu überlassen. Und wenn wir dann trotz dieser Angst einen Schritt weitergehen, geschieht manchmal etwas Faszinierendes. Wir treten wieder in Verbindung. Und dort fällt plötzlich vieles ab. Die Angst verliert ihre Macht. Die Strategien werden überflüssig. Das innere Kämpfen hört auf. Wir müssen keinen Fluchtweg mehr suchen. Es entsteht Erleichterung. Vielleicht sogar Frieden. Und irgendwann erkennen wir: Wir hatten gar nicht vor dem nächsten Schritt Angst.
Wir hatten Angst davor, dass sich beim nächsten Schritt die Vergangenheit wiederholt. Doch dieser Moment ist neu. Dieser Mensch ist neu.
Und vor allem: Wir selbst sind heute jemand anderes als damals.
Vielleicht ist genau das Eigenverantwortung: Die Vergangenheit darf uns erklären, warum wir etwas fühlen.
Aber wir müssen ihr nicht länger erlauben, darüber zu entscheiden, wie wir heute leben.




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