top of page

Der Moment, in dem wir uns selbst verlassen haben

Durch Zurückweisungen, Ablehnungen und Enttäuschungen, besonders in unseren frühen Lebensjahren, begann sich unser Ego zu formen. Nicht weil wir Bosheit sind, sondern aus Not und Angst. Ein Kind, dass sich verlassen fühlt, ungerecht behandelt wird, zu wenig Liebe erfährt oder sich in seiner Einsamkeit selbst überlassen bleibt, sucht nach Erklärungen. Und weil es die Welt noch nicht einordnen kann, richtet es die Erklärung gegen sich selbst.

In solchen Momenten entstehen innere Beschlüsse. Leise, aber wirksam. Ich bin es nicht wert, geliebt zu werden. Es ist sicherer, mich zurückzuziehen, als mich zu zeigen. Wenn ich mich anpasse, werde ich nicht verletzt.

Diese Sätze werden nicht bewusst gewählt. Sie entstehen wie Schutzmauern in einer Zeit, in der wir uns schützen mussten. Und doch haben sie einen Preis. Mit jedem dieser Beschlüsse trennen wir uns ein Stück von uns selbst. Nicht abrupt, sondern schleichend. Wir beginnen, Teile unseres Wesens zurückzulassen: Unbeschwertheit, Vertrauen, Verspieltheit, natürliche Offenheit, wahre Freiheit. Auch unser Selbstwert leidet, er ist nicht wirklich verschwunden, sondern wir haben nur den Kontakt zu ihm verloren.

Das Ego, das aus diesen Erfahrungen hervorgeht, ist kein Feind. Es ist ein Überlebenskonstrukt. Es hält die Erinnerung an Schmerz fest und versucht, uns davor zu bewahren, ihn erneut zu erleben. Doch genau darin liegt seine Tragik: Es schützt uns vor alten Wunden, indem es uns vom Leben fernhält. Es hält uns klein, vorsichtig, kontrolliert, und entfernt uns damit immer weiter von unserer ursprünglichen Lebendigkeit.

Heilung beginnt nicht damit, das Ego zu bekämpfen oder loszuwerden. Sie beginnt mit Hinsehen, dem tiefen Verstehen und Vergebung. Mit der ehrlichen Bereitschaft, zurückzugehen zu den Momenten, in denen wir diese Beschlüsse gefasst haben. Was habe ich damals erlebt? Welche Gefühle waren im Spiel, Angst, Traurigkeit, Scham, Ohnmacht? Und was habe ich in diesem Moment über mich und das Leben entschieden?

Wenn wir beginnen, diese inneren Entscheidungen bewusst zu erkennen, geschieht etwas Wesentliches. Die abgespaltenen Teile melden sich zurück. Zuerst als Erinnerung im Kopf, dann als Empfindung im Körper, als leises Wiedererkennen: Das gehört zu mir. Integration bedeutet nicht, die Vergangenheit ungeschehen zu machen. Sie bedeutet, das, was wir damals zurücklassen mussten, wieder einzuladen.

Aus dieser Rückverbindung entsteht Ganzheit. Und mit ihr ein Gefühl von Freiheit, jedoch nicht die kurzfristige Erleichterung, den schweren Rucksack einmal abzulegen, um kurz durchzuatmen. Es ist die tiefere Freiheit, den Rucksack auszuräumen. Alte Glaubenssätze verlieren ihr Gewicht. Fremde Lasten dürfen zurückgegeben werden. Und plötzlich wird spürbar, dass der Weg selbst leichter wird.

Mit dieser neuen Ganzheit öffnen sich Türen. Innere Türen, von deren Existenz wir längst vergessen hatten. Hinter ihnen liegen Vertrauen und geerdete Gewissheit. Vertrauen in uns selbst, in unsere Wahrnehmung, in unsere Fähigkeit, mit dem Leben in Beziehung zu sein. Vertrauen in andere, nicht blind, sondern offen. Und schließlich Vertrauen in das Leben selbst, welches nicht immer sanft ist, wir ihm aber wieder in unserer Ganzehit begegenen können, ohne uns dabei zu verlieren.


 
 
 

Kommentare


bottom of page