Alles im Griff. Nur mich selbst nicht mehr
- Tom & Alex

- 16. Apr.
- 3 Min. Lesezeit
Wir managen unser Leben.Tag für Tag. Oft so selbstverständlich, dass wir gar nicht mehr bemerken, wie viel wir eigentlich tragen. Wir holen die Kinder vom Kindergarten ab, erledigen neben der Arbeit die Besorgungen, die täglich anfallen, versuchen, unseren Hobbys noch irgendwo Raum zu geben. Der Partner soll gesehen werden, die Kinder brauchen Unterstützung in der Schule oder kämpfen mit Themen, die uns mitbetreffen. Rechnungen warten, Termine stehen an, Verpflichtungen füllen die Tage. Und während wir eine Sache erledigen, steht die nächste bereits bereit. Diese Liste scheint kein Ende zu kennen. Sie wächst, verändert sich, verschiebt sich – doch sie bleibt.
Und gleichzeitig gibt es eine zweite Ebene, die darunter liegt. Eine, die nicht auf dieser Liste steht. Vielleicht fühlt sich der eigene Körper anders an als sonst. Vielleicht ist da ein Verlust, der noch nachwirkt und Fragen in uns bewegt, denen wir lieber nicht begegnen wollen. Vielleicht steht eine Prüfung bevor, die wir lange hinausgeschoben haben und die sich nun nicht mehr ignorieren lässt. Vielleicht gibt es Gedanken, die wir zur Seite schieben, weil wir spüren, dass sie etwas in Bewegung bringen könnten. All das läuft mit, still, im Hintergrund.
Unser Leben ist voll von diesen sichtbaren und unsichtbaren Dingen. Und selbst wenn wir etwas abschließen, wenn wir endlich etwas erledigt haben oder sich ein Problem von selbst auflöst, entsteht kaum Raum. Das Nächste tritt bereits nach. Und in uns beginnt etwas zu wachsen. Ein Wunsch, der oft erst ganz leise auftaucht.
Ich will hier raus. Ich will einen Moment Ruhe. Ich will Frieden.
Dieser Wunsch kommt nicht zufällig. Er entsteht dort, wo wir uns in all den Rollen verloren haben. Dort, wo wir so sehr im Funktionieren aufgegangen sind, dass wir uns selbst kaum noch spüren. Und je weiter wir uns von uns selbst entfernt haben, desto stärker wird diese Sehnsucht. Nicht nach weniger Aufgaben. Nicht nach einem anderen Leben. Nach uns selbst. Manchmal reagieren wir darauf, auf eine Weise, die wir nicht sofort verstehen.
Wir werden krank und sind gezwungen, innezuhalten. Wir treffen Entscheidungen, die nach außen plötzlich wirken, sich innerlich aber lange vorbereitet haben. Wir lassen etwas los, beenden etwas, ziehen uns zurück. Der Mensch findet Wege, sich diese Pausen zu verschaffen. Auch dann, wenn er sie sich bewusst nie erlauben würde. Doch der eigentliche Wendepunkt beginnt an einer anderen Stelle. In dem Moment, in dem wir uns selbst wieder mit einbeziehen. In dem wir beginnen, uns selbst wieder ernst zu nehmen. Nicht als letzten Punkt auf der Liste, sondern als den Ort, von dem alles ausgeht. Wenn wir uns wieder nach vorne stellen. Dem steht oftmals der Glaubenssatz entgegen, dass viele von uns gelernt haben, dass wenn wir uns selbst an die erste Stelle stellen, dies als egoitisch betrachtet werden könnte. Allerdings wenns uns selber nicht gut geht, wie geht es dann unseren Lieben um uns herum? Wenn wir uns vernachlässigen tun wir dies auch mit den anderen. Wenn wir uns wieder ins Zentrum stellen, dann verändert sich etwas. Wir kommen uns wieder näher. Wir beginnen zu erkennen, dass vieles im Außen, dem wir so viel Bedeutung gegeben haben, auch ohne unser ständiges Eingreifen weiterläuft. Dass wir uns an vielen Stellen selbst unentbehrlich gemacht haben. Und wenn wir tiefer schauen, erkennen wir auch, warum. Weil wir uns darüber gespürt haben. Weil wir darüber Bedeutung erfahren haben. Weil wir vielleicht an einem früheren Punkt etwas verloren glaubten, das wir uns auf diesem Weg zurückholen wollten. Doch diese Unentbehrlichkeit hält nicht, was sie verspricht. Sie bindet. Sie verdichtet. Sie entfernt uns weiter von uns selbst. Und in dem Moment, in dem wir das sehen, beginnt sich etwas zu lösen. Der Druck fällt ab. Gedanken werden ruhiger, das innere Tempo verlangsamt sich. Und wir erkennen, dass vieles von dem, was uns so real erschienen ist, wie ein Film war, den wir über lange Zeit abgespielt haben.
Ein Film, in dem wir funktioniert haben, getragen haben, gehalten haben. Und dann öffnet sich eine neue Wahrnehmung. Wir sind nicht nur die Figur in diesem Film. Wir sind auch der Raum, in dem er stattfindet. Wir sind der, der ihn abspielt. Und der, der ihn betrachtet.
Und genau darin liegt etwas, das sich kaum greifen lässt und doch sofort spürbar ist.
Freiheit.
Die Freiheit, den Film anzuhalten. Die Freiheit, eine Szene zu verändern. Die Freiheit, einen anderen Film zu wählen. Oder einfach aufzustehen, hinauszugehen, einen Moment innezuhalten und wieder bei sich selbst anzukommen.





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