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Wer wärst du ohne deine Strategien?

Wenn wir auf die Welt kommen, sind wir vollkommen angewiesen. Ein Neugeborenes trägt keine Konzepte in sich, keine Strategien, keine Masken. Es trägt einen Körper und mit ihm Bedürfnisse. Hunger. Durst. Das Verlangen nach Wärme, nach Berührung, nach einem Herzschlag in der Nähe. Es gibt Momente von Bauchweh, das erste Zahnen, ein diffuses Unwohlsein, das sich durch den kleinen Körper zieht. Und immer wieder diesen einen, stillen Wunsch: gehalten zu werden.

In diesem frühen Alter können wir nicht erklären, was in uns vorgeht. Wir haben keine Worte für Schmerz, keine Sprache für Sehnsucht. Wir sind darauf angewiesen, dass jemand erkennt, was uns fehlt. Dass jemand unsere Tränen deutet, unsere Unruhe versteht, unsere kleinen Signale liest. Unser Überleben hängt davon ab.

Hier, in dieser völligen Offenheit, entstehen die ersten Muster. Wir lernen – unbewusst –, dass andere für unser Wohlbefinden zuständig sind. Dass unser innerer Zustand von außen reguliert wird. Nähe beruhigt. Ein Lächeln schenkt Sicherheit. Ein Ausbleiben von Resonanz hinterlässt Irritation. In diesen zarten Begegnungen formt sich ein leises inneres Schlussfolgern: Ich brauche dich, damit es mir gut geht.

Diese Erfahrung ist menschlich. Und sie ist der Beginn von Abhängigkeit.

Wir beginnen früh zu erspüren, wie wir uns verhalten müssen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Vielleicht werden wir besonders brav. Vielleicht besonders leise. Vielleicht laut. Vielleicht anstrengend. Manche passen sich an, ordnen sich unter, werden pflegeleicht. Andere entdecken die Kraft der Rebellion. Tränen, Trotz, Rückzug. Alles sind Versuche, in Beziehung zu bleiben und die ersehnte Zuwendung zu sichern.

Der Preis dafür zeigt sich oft erst viel später.

Denn während wir lernen, wie wir Liebe bekommen, entfernen wir uns langsam von der Frage, wer wir eigentlich sind. Wir entwickeln feine Antennen für die Bedürfnisse anderer. Wir spüren Stimmungen im Raum, lange bevor ein Wort gesprochen wird. Wir übernehmen Verantwortung, gleichen aus, sorgen uns, kontrollieren. Wir nennen es Fürsorge. Pflichtbewusstsein. Gerechtigkeitssinn. Stärke.

Doch unter all diesen Strategien wirkt oft ein alter Satz: Wenn ich es richtig mache, bleibe ich verbunden.

So entsteht emotionale Abhängigkeit in erwachsener Kleidung. Wir retten. Wir richten. Wir halten zusammen. Wir tragen. Wir funktionieren. Und während wir uns um alles kümmern, wird es in uns selbst still. Unsere eigenen Wünsche verblassen. Unsere Sehnsüchte warten geduldig im Hintergrund. Unter all den Rollen wird die Luft dünn.

Manchmal spüren wir es als Erschöpfung. Manchmal als Unzufriedenheit ohne klaren Grund. Manchmal als Sehnsucht nach etwas, das wir nicht benennen können.

Die Rückkehr beginnt leise.

Sie beginnt in dem Moment, in dem wir aufhören, uns ausschließlich über andere zu definieren. Wenn wir den Mut finden, uns selbst wieder in den Mittelpunkt unseres Lebens zu stellen, nicht über andere, nicht gegen andere, sondern bei uns. Wenn wir lernen, unsere Bedürfnisse selbst wahrzunehmen. Uns selbst zu halten. Uns selbst Trost zu schenken. Uns selbst ernst zu nehmen.

Dann entsteht eine neue Form von Bindung. Eine Bindung zu uns selbst.

Und oft erschrecken wir ein wenig, wenn wir erkennen, wie lange wir uns verlassen haben. Wie weit wir uns entfernt hatten von unserem eigenen inneren Kind, das einst glaubte, sein Wohl hinge vollständig von der Außenwelt ab.

Mit dieser neuen Nähe geschieht etwas Zartes. Etwas, das wir vielleicht lange vermisst haben, ohne es zu wissen. Eine Form von Selbstliebe kehrt zurück. Kein lautes Selbstoptimierungsprogramm, keine perfekte Version unserer selbst, vielmehr ein warmes, ruhiges Einverstanden-Sein mit dem, was wir sind.

Diese Selbstliebe war immer da. Sie lag in uns wie ein Same, den wir mitgebracht haben. Nur wurde er überdeckt von Anpassung, Erwartungen, Strategien und all den Geschichten, die wir über uns gelernt haben.

Wenn wir beginnen, uns selbst wieder zu fühlen, entsteht Leichtigkeit. Es ist, als würde frische Luft in einen lange geschlossenen Raum strömen. Manchmal kommen sogar diese alten, fast vergessenen Schmetterlingsgefühle zurück, eine lebendige Freude am Dasein. Ein inneres Klingen.

Und wir merken: Wir sind genau richtig hier. An unserem Platz. In unserem Leben.

Nicht weil alles perfekt ist. Sondern weil wir bei uns angekommen sind.


 
 
 

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