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Wenn Leben sich neu erinnert

In diesen Tagen ist in unserer größeren Familie ein neues Leben angekommen. Still, zart und noch so zerbrechlich, und zugleich mit einer Präsenz, die alles verändert. Ein Atemzug, der noch keinen Anspruch stellt. Ein Blick, der noch nichts bewertet. Keine Urteile, Ein Anfang, der nichts erklären muss. Präsenz.

Und vielleicht liegt genau darin eine Erinnerung für uns alle.

Denn dieses neue Leben steht nicht nur für sich selbst. Es trägt eine Botschaft, die weit über den Moment hinausreicht. Es zeigt uns, wie sich Beginn anfühlt, wenn er noch frei ist von Geschichten. Wenn noch nichts festgelegt ist. Wenn das Leben sich selbst begegnet, ohne Vergangenheit, ohne Deutung, ohne Erwartung.

Ein weisse Leinwand.

Wir alle tragen diese Leinwand in uns, immer wieder. Nur vergessen wir es manchmal. Weil wir glauben, unser Bild sei längst gemalt. Weil wir auf das schauen, was bereits entstanden ist, und denken, es sei endgültig.

Und dann kommen diese Momente in unserem Leben, die uns erschüttern.

Ent-Täuschungen.

Sie reißen etwas auf. Sie nehmen uns etwas, das wir für sicher gehalten haben. Sie zeigen uns eine Wirklichkeit, die wir so nicht sehen wollten. Und genau darin liegt ihre verborgene Kraft. Eine Ent-Täuschung nimmt uns die Täuschung. Sie legt frei, was wirklich da ist. Und in diesem Freilegen entsteht unbemahler Fleck auf der Leinwand.

Platz für eine neue Geburt. Manchmal ändert sich dadurch nicht viel und manchmal alles, so dass nichts mehr bleibt wie zuvor.

Doch wir gehen oft einen anderen Weg. Wir beginnen, an unserem Lebensgemälde zu korrigieren. Wir übermalen Stellen, die uns nicht gefallen. Wir versuchen, Linien zu verändern, Farben zu ersetzen, Formen zu glätten.

Und je mehr wir übermalen, desto dichter wird das Bild. Schwerer. Unklarer.

Vielleicht liegt die eigentliche Bewegung nicht im Übermalen. Vielleicht liegt sie im Sehen.

Im Innehalten vor dem eigenen Bild. Im Betrachten ohne Urteil. Im Zulassen dessen, was ist.

Und dann geschieht etwas Erstaunliches.

Das Bild verändert sich, ohne dass wir es verändern. Weil wir beginnen, es aus einem anderen Licht zu sehen. Weil sich unsere Wahrnehmung weitet.

Wahrnehmung ist einer der stillsten und gleichzeitig kraftvollsten Hebel, die wir haben. Sie entscheidet darüber, ob wir Mangel sehen oder Möglichkeit. Ob wir Brüche erkennen oder Übergänge. Ob wir ein Ende wahrnehmen oder einen Anfang.

Und mit jeder Veränderung unserer Wahrnehmung entsteht etwas Neues. Das Leben hat sich dadurch nicht verändert, nein, wir sehen es nur aus einem anderen Licht.

Vielleicht ist genau das die Einladung, die in diesen Tagen spürbar wird:

Dass Leben sich immer wieder erneuert. Alles ist lebending und im Fluss. Nichts steht still. Wenn wir in die Natur schauen ist Veränderung das normalste auf der Welt und hier bedeutet Stillstand tod.

Dass in jeder Ent-Täuschung ein Anfang verborgen liegt. Dass in jedem Moment eine unbeschriebene Leinwand wartet.

Und dass wir, bewusst oder unbewusst, die Farben wählen.

Unser Lebensgemälde ist kein starres Werk. Es ist ein lebendiger Ausdruck. Ein Spiel aus Licht und Schatten, aus Tiefe und Weite.

Und manchmal, wenn wir es wagen, wirklich hinzusehen, wird aus unserem eigenen Bild etwas, das auch andere berührt. Nicht, weil es perfekt ist. Sondern weil es wahr ist.

Und vielleicht beginnt genau hier etwas, das größer ist als wir selbst.


 
 
 

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