Die Mauer um das Herz
- Tom & Alex

- 5. Aug. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Im Laufe unseres Lebens, oft unbemerkt, meist schleichend, beginnen wir, Teile von uns selbst zurückzulassen. Besonders in der Kindheit, wenn unser Herz noch weich ist und unsere Seele weit offen, können Zurückweisungen, Vernachlässigung oder das schlichte Gefühl, nicht gesehen zu werden, Wunden hinterlassen, die tiefer reichen, als wir zunächst begreifen.
Diese frühen Erfahrungen bringen uns dazu, bestimmte Aspekte unseres Wesens nicht mehr lebendig sein zu lassen. Unbeschwertheit wird zur Gefahr. Leichtigkeit wird als naiv abgewertet. Und unsere Unschuld, die kostbare, klare Quelle unseres inneren Lichts, wird mit einem Mantel aus Schutzstrategien bedeckt, damit wir nicht wieder so verletzt werden wie einst.
Statt frei zu sein, beginnen wir zu funktionieren. Wir kompensieren unseren Schmerz, indem wir uns Rollen suchen, Muster pflegen, die uns vermeintlich Sicherheit bieten. Wir spielen Spiele, um Anerkennung zu bekommen oder Kontrolle zu behalten, um Schmerz zu vermeiden oder Zugehörigkeit zu erzwingen. Doch das, was wir uns dadurch erschaffen, ist kein Leben. Es ist ein Überleben. Und die Muster, die uns Sicherheit versprechen, werden zu den Gittern unseres inneren Gefängnisses.
Immer wieder sendet uns das Leben Gelegenheiten, unser Herz wieder zu öffnen. Vielleicht in einem Blick, in einer Berührung, in einer tiefen Begegnung. Vielleicht in einer Krise, einem Verlust, einer inneren Erschütterung. Doch sobald diese Tür aufzugehen beginnt, regt sich in uns der Widerstand. Es ist nicht Trotz. Es ist nicht Böswilligkeit. Es ist Angst.
Eine uralte Angst, die uns in der Trennung hält: in der Trennung zu unseren Liebsten, aber vor allem in der Trennung zu uns selbst. Denn dort, wo wir verletzt wurden, glauben wir, wir seien nicht mehr liebenswert. Und so erscheint es uns sicherer, auf unserer kleinen Insel zu bleiben, die wir uns mühselig aufgebaut haben. Umgeben von Mauern. Mauern, die uns schützen sollen und uns gleichzeitig von dem trennen, was wir am meisten brauchen: Nähe. Verbindung. Berührung. Heilung.
Spüre einmal in dich hinein. Frage dich, ganz ehrlich und intuitiv:
Wie hoch ist die Mauer, die du um dich herum aufgebaut hast?
Wie dick ist sie und wie lang?
Aus welchem Material besteht sie? Stein? Beton? Nebel? Eis? Und wie alt ist sie wirklich? Was würdest du brauchen, um über sie hinwegzukommen? Was hast du aufgeben müssen, um sie überhaupt errichten zu können? Vertrauen? Selbstwert? Deine Unschuld?
Diese kleine Übung ist kein bloßes Nachdenken, sie ist ein inneres Wiederfinden. Ein Rückholen verlorener Seelenanteile. Denn alles, was du einst warst, ist noch in dir. Es wartet. Es ruft. Wenn du beginnst, diese Anteile wieder zu spüren, sie wieder zu atmen, sie zu leben, wirst du merken, dass du ganzer wirst. Heiler. Weicher. Und dass sich dein Leben nicht mehr um Kompensation drehen muss, sondern um Präsenz. Nicht mehr um Schutz, sondern um Verbindung.
Je mehr dieser verlorenen Teile du zurück in dein Herz nimmst, desto weniger wirst du deine alten Muster brauchen. Und desto freier wirst du sein, in dir selbst, mit deinen Lieben und in der Welt. Denn wahre Sicherheit liegt nicht im Schutz vor dem Leben, sondern in der tiefen Bereitschaft, es wieder zu fühlen.
Und vielleicht, ganz vielleicht, darf dann auch deine Unschuld zurückkehren. Nicht als kindliche Naivität. Sondern als stille Kraft, die weiß:
Ich bin genug. Ich war es immer. Und ich darf wieder lebendig sein.







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