Zurück zu dir
Heute möchte ich über etwas sprechen, das wir alle mit auf unsere Reise bekommen haben: unsere ursprünglichen inneren Qualitäten.
Vielleicht ist das Wort Kernwerte dafür zu klein. Denn es geht um keine Werte, die wir erlernen oder uns erarbeiten müssen. Es geht um natürliche Ressourcen, mit denen wir in dieses Leben gekommen sind: um Vertrauen in das Leben, um die Fähigkeit, bedingungslos zu lieben, und um eine ursprüngliche Art, uns selbst zu erleben, in der es noch keine Urteile gab.
Ein kleines Kind fragt sich nicht, ob es wertvoll ist. Es ist einfach da. Vielleicht würde sich Selbstwert selbst genauso erleben: Er müsste sich weder beweisen noch behaupten. Er wäre in seiner eigenen Selbstverständlichkeit gebettet.
Auch Vertrauen war einmal etwas Natürliches. Wir mussten es nicht herstellen. Doch irgendwann geschah etwas.
Vielleicht wurden wir ausgelacht, als wir uns offen zeigten. Vielleicht wurden wir belogen, bedroht oder zurückgewiesen. Vielleicht zog sich genau jener Mensch zurück, den wir dringend gebraucht hätten. Vielleicht wurde unsere Freude abgewertet, unsere Liebe übersehen oder unsere Lebendigkeit als störend empfunden.
Manchmal war es ein großes Ereignis. Manchmal waren es viele kleine Erfahrungen, die sich in uns zu einer Wahrheit verdichteten:
Ich kann dem Leben nicht vertrauen.
So, wie ich bin, bin ich zu viel.
Ich muss etwas leisten, damit ich gesehen werde.
Wenn ich mich öffne, werde ich verletzt.
Der Kernwert verschwand dadurch nicht. Er trat in den Hintergrund, weil es damals sicherer schien, ihn zu verbergen.
Wo Vertrauen war, entstand nun eine Lücke. Wo Liebe frei fließen konnte, blieb Sehnsucht zurück. Wo der eigene Wert selbstverständlich war, begann die Suche nach Bestätigung.
Und weil sich diese Lücke schmerzhaft anfühlt, versuchen wir, sie zu füllen.
Der Teil in uns, der dafür zuständig ist, solche inneren Löcher zu stopfen, besitzt eine erstaunliche Kreativität. Er entwickelt Strategien, Regeln und manchmal ganze Lebensentwürfe. Alles mit dem Ziel, uns nie wieder so hilflos zu fühlen wie damals.
Wenn unser Urvertrauen verletzt wurde, beginnen wir vielleicht, alles kontrollieren zu wollen. Wir planen, prüfen und sichern uns ab. Für einen Moment fühlen wir uns weniger ausgeliefert. Gleichzeitig kostet es ungeheuer viel Kraft, ein Leben kontrollieren zu wollen, das seinem Wesen nach lebendig und unberechenbar ist.
Wenn die bedingungslose Liebe in den Hintergrund getreten ist, suchen wir vielleicht nach körperlicher Nähe, sexueller Bestätigung oder dem Gefühl, begehrt zu werden. Für einen Augenblick erleben wir Verbindung. Doch bald meldet sich die alte Leere wieder, denn Körperkontakt kann die Sehnsucht nach bedingungsloser Liebe nur vorübergehend beruhigen.
Vielleicht arbeiten wir unermüdlich, weil wir einst erfahren haben, dass Leistung Aufmerksamkeit bringt. Wir helfen, funktionieren und übernehmen Verantwortung. Nach außen wirken wir stark und verlässlich. Tief in uns wartet jedoch noch immer jener Anteil darauf, um seiner selbst willen gesehen zu werden.
Auch Rückzug kann zu einem Lochstopfer werden. Wer niemanden mehr an sich heranlässt, fühlt sich weniger angreifbar. Der Rückzug schützt vor Verletzung und trennt uns zugleich von jener Verbindung, nach der wir uns sehnen.
Manche Menschen ertragen keinen Streit, weil Konflikte einst ihr Vertrauen erschüttert haben. Sie glätten jede Spannung und passen sich an. Frieden wird dann mit der Abwesenheit von Auseinandersetzung verwechselt. Doch echter Frieden entsteht dort, wo auch die eigene Wahrheit einen Platz haben darf.
Andere retten sich in Oberflächlichkeit, weil sie erlebt haben, dass Tiefe auch tief verletzen kann. Sie scherzen, wechseln das Thema, stellen sich kleiner, als sie sind, oder schweigen, um das Stückchen Frieden, das ihnen geblieben ist, nicht aufs Spiel zu setzen.
Auch Süchte können innere Löcher füllen. Alkohol, Essen, Arbeit, Sex, Kaufen, Anerkennung oder digitale Ablenkung beruhigen und betäuben. Hinter der Sucht liegt häufig weniger die Lust am Konsum als die Sehnsucht, sich endlich wieder ganz zu fühlen.
All diese Strategien sind weder schlecht noch verwerflich. Sie waren Versuche, uns zu schützen. Viele haben uns durch Zeiten getragen, in denen uns andere Möglichkeiten fehlten.
Der Stress entsteht aus dem Motiv, aus dem heraus wir handeln.
Es ist ein Unterschied, ob ich arbeite, weil ich etwas erschaffen möchte, oder weil ich ohne Leistung keinen Wert in mir spüre. Es ist ein Unterschied, ob ich Nähe genieße oder sie brauche, um meine Leere nicht fühlen zu müssen. Es ist ein Unterschied, ob ich einen Konflikt aus Liebe befriede oder mich selbst aufgebe, damit mich niemand verlässt.
Von außen kann dasselbe Verhalten gleich aussehen. Im Inneren stammt es aus einer völlig anderen Quelle.
Kein Lochstopfer kann den ursprünglichen Kernwert ersetzen. Kontrolle kann Urvertrauen nachahmen, doch sie wird niemals zu Vertrauen. Leistung kann Anerkennung erzeugen, doch sie kann den eigenen Wert nicht herstellen. Körperliche Nähe kann Verbindung schenken, doch sie kann bedingungslose Liebe nicht erzwingen. Rückzug kann schützen, doch er erschafft keinen inneren Frieden.
Vielleicht erschöpfen wir uns deshalb so sehr. Wir versuchen, im Außen etwas herzustellen, das in unserem Inneren noch immer vorhanden ist und dort auf unsere Rückkehr wartet.
Deine Kernwerte sind nicht verloren gegangen. Sie wurden von Erfahrungen, Überzeugungen und Schutzmechanismen überlagert. Unter der Angst lebt deine Fähigkeit zu vertrauen. Unter den Urteilen wartet jener ursprüngliche Blick auf dich selbst, der deinen Wert nie infrage gestellt hat.
Heilung bedeutet deshalb weniger, etwas Neues zu erschaffen. Sie beginnt damit, wieder freizulegen, was immer zu uns gehört hat.
Vielleicht magst du dich heute fragen:
Welcher meiner ursprünglichen Kernwerte ist leiser geworden?
Was ist damals geschehen?
Welche Wahrheit über mich, andere Menschen oder das Leben habe ich daraus abgeleitet?
Und womit habe ich versucht, die entstandene Lücke zu füllen?
Diese Fragen führen an einen empfindsamen Ort. Doch genau dort beginnt die Rückkehr. Sobald wir den alten Lochstopfer erkennen, können wir würdigen, wie lange er uns getragen hat. Und wir können begreifen, dass wir ihn heute vielleicht nicht mehr brauchen.
Du musst deinen Wert nicht jeden Tag neu verdienen. Du darfst aufhören, Liebe im Außen festhalten zu wollen. Und du darfst jenes Vertrauen wieder freilegen, das unter all deinen Erfahrungen weiterlebt.
Vielleicht ist das, wonach du schon so lange suchst, niemals verschwunden.
Vielleicht ist es nur leise geworden und bekommt jetzt wieder einen Platz.






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